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Heilung durch Gebet – (k)ein Thema für deutsche Missionare?

Heilung durch die Kraft des Glaubens hat weltweit Konjunktur. Eric de Rosny ist überzeugt: „Niemals zeigte sich so wie heute am helllichten Tag der unheilbare Wunsch nach Heilung, der in jedem Menschen wohnt!". Doch so sehr Menschen im Westen nach Heilung suchen, so wenig haben nach Manfred Seitz die christlichen Kirchen – von der charismatisch-pfingstlichen Bewegung einmal abgesehen - etwas dazu zu sagen. Es wundert daher auch nicht, dass westliche Missionare mit ihrer Glaubensprägung in den Ländern der Zwei-Drittel-Welt dem Phänomen der Gebetheilungen mehr oder weniger hilflos begegnen.

Die traditionale Weltanschauung
Die Menschen in der Zwei-Drittel-Welt sind trotz einer vielleicht vorherrschenden Hochreligion im Kern in unterschiedlichem Maße von einer traditionalen Religion, oft auch Animismus genannt, geprägt. Im Zentrum dieser Vorstellungen geht es um ein gelingendes Leben und um Kraft, den Widrigkeiten des Lebens zu widerstehen. Wird jemand ernsthaft krank, so liegt die Ursache in einem gestörten Verhältnis zur spirituell-sozialen Welt: Familie, Ethnie oder Ahnengeister. Jede Krankenheilung muss daher auf eine Wiederherstellung des eingetretenen Ungleichgewichtes ausgerichtet sein.

Weltanschauungen und missionarische Verkündigung
Während im Zentrum der Lebensvorstellungen der Menschen und ihrer traditionaler Religionen die Frage nach Kraft („power") steht, geht es den Missionaren wesentlich um die Wahrheitsfrage („truth"). Man möchte über die Erkenntnis der biblischen Wahrheit zur Bekehrung und einem geheiligten Leben kommen. Um das Evangelium durch die Thematisierung der Wahrheitsfrage weiter tragen zu können, wurde neben dem Gemeindebau insbesondere dem Bildungssektor und dem Gesundheitswesen sehr große Bedeutung zugemessen.
Durch die Verpflanzung westlicher Vorstellungen von Bildung und Gesundheit wurden die Antworten der traditionalen Religionen auf viele Dinge des Alltags „entzaubert" und säkularisiert; aber es erfolgte keine neue Antwort durch den christlichen Glauben. Van Rheenen ist überzeugt: „Weil die Missionare oft Religion und Wissenschaft voneinander getrennt haben und unbewusst diese Anschauung als Teil des Christentums ansahen, wurden sie mehr eine säkularisierende als eine christianisierende Kraft. Als Opfer ihres Weltbildes verhielten sich die Missionare so, als sei westliche Medizin wirksamer als Gebet".

Westliche Mission und ihre kulturelle Gefangenschaft
Was steht hinter Van Rheenens Beobachtung? Paul Hiebert spricht in diesem Zusammenhang von der „ausgeschlossenen Mitte". Während in den traditionalen Religionen die transzendente spirituelle Welt durch Magie, Zeichen und Wunder mit der Lebens- und Erfahrungswelt der Menschen unauflöslich verbunden ist, fehlt diese Verbindung im westlichen Christentum weithin. Zwischen der Ebene der empirisch wahrnehmbaren Welt (mit ihrem Wissenschaftsverständnis) und der spirituellen Welt gibt es wenig Verbindung, sieht man einmal von historisch begrenzten Ausnahmen wie Jesu Auferstehung oder den Wundern in der Urgemeinde ab. So werden sowohl Gottes übernatürliche Kraft als auch sein Eingreifen aus der Theologie nahezu ausgeschlossen.
Charles Kraft meint rückblickend auf seine 12-jährige Missionstätigkeit in Nigeria: „Durch Gottes Gnade kamen viele Menschen in das Reich Gottes. Um jedoch für Unfälle, Unfruchtbarkeit, zerbrochene Beziehungen, Unwetter und ähnliches gewappnet zu sein, brauchten sie die Erfahrung einer geistlichen Kraft. Sie >wussten<, dass diese nicht im christlichen Glauben zu finden war. Sie nahmen die Kraftlosigkeit des christlichen Glaubens und die Unkenntnis der Missionare hin und gingen bei Problemen einfach weiter zu ihrem >Medizinmann<, wie sie es taten bevor sie Christen wurden". So wird der christliche Glaube zwar die neue kognitive Plausibilitätsstruktur, soweit es um Erkenntnis- oder Wahrheitsfragen geht, aber gleichzeitig werden die Macht- und Kraftquellen der traditionalen Religionen angezapft, um die Probleme des Alltags zu lösen.

Missionarisches Gesundheitswesen und die Lebensfragen der Menschen
Diese Übertragung des westlichen Medizinsystems musste auf kulturelle Verständigungsschwierigkeiten stoßen. Wissenschaftliche Medizin definiert Krankheit aufgrund objektiv-feststellbarer Symptome. Sind sie diagnostiziert, werden die organischen Fehlleistungen des Patienten durch pharmakologische Beeinflussung oder operative Eingriffe wieder normalisiert. Wenn also bei einem Anhänger traditionaler Religionen aufgrund bestimmter Symptome Gallensteine diagnostiziert werden, kann er aus westlich-medizinischer Sicht mit dem entsprechenden Medikament aus der Krankenhausapotheke alsbald nach Hause geschickt werden. Hier endet leider allzu oft die medizinische Hilfe.
Doch für den Kranken beginnt das Fragen. Gemäß seines Verständnisses sind die Gallensteine Hinweis auf eine tiefer liegende Krankheitsursache. Er ist zutiefst davon überzeugt, dass er krank ist, weil die Harmonie des Kosmos in irgendeiner Weise gestört wurde. Als ein Mensch, der alles Geschehen kraftbewirkt interpretiert, muss er wissen, welche Kräfte bei seiner Krankheit im Spiel waren. Er muss wissen, wer oder was die Gallensteine bedingt hat. Ohne die Beantwortung dieser bedrängenden Frage bleibt der Mensch seelisch zutiefst unruhig. Und wenn er nach mehr oder weniger langem Forschen ahnt, was die Krankheitsursache war, stellt sich ihm die Frage: wie kann er die Beziehung zur spirituell-sozialen Welt wieder in Ordnung bringen? Wer hilft ihm in diesem Unheilszustand dabei? Menschen mit einem traditionalen Weltbild müssen also ein Missions-Gesundheitswesen nach westlich-naturwissenschaftlichem Muster als „unvollständig" erleben.

Das Heilungsgebet aus Ausdruck der Kraft des nahen Gottes
Die Heilungssuchenden deuten die Heilung, die sie in Missionskrankenhäusern erleben durchaus als ein Zeichen der Kraft und Macht Gottes. Aber es muss präzisierend nachgefragt werden: Wer ist der Kraftträger göttlichen Lebens? Macht und Kraft für wen? In traditionalen Kulturen liegt die „Medizinverwaltung" in der Hand von Medizinmännern, Personen also, die besonderes spirituelles, pharmakologisches und psychologisches Wissen haben. Der Medizinmann ist aufgrund seiner Berufung und seines Werdegangs ein „Machtmittelkundiger".
Es überrascht daher nicht, dass Ärzten und Pfarrern, die die Funktion der Medizinmänner übernommen haben, eine ebenso große Macht zugeschrieben wird. Sie haben den besonderen Zugang zum mächtigen Gott der Christen und wissen ihn zu nutzen. Jedoch der Kranke - und das ist der entscheidende Punkt - erlebt es fast nie, dass er selbst einen direkten Zugang zu Gott hat, Gott ihn meint, Gott sich ihm offenbaren will und dass seine direkte Beziehung zum Allmächtigen ihn - auf welche Weise auch immer - gesund machen und seine gestörte Lebensbeziehungen in Ordnung bringen kann.

Gebet als Teil der Heilungskultur im missionarischen Gesundheitswesen
Auch die durchaus üblichen Gottesdienste in den Krankenhäusern können das gewöhnlich nicht verdeutlichen, da sie zumeist - wie die gesamte Missionsarbeit - einseitig "truth"-orientiert sind. Und so kommt Fiedler etwa für die Glaubensmissionen in Afrika zu der nicht überraschenden Feststellung, dass die Mission ihre Chancen, durch das Gesundheitswesen in ganzheitlicher Weise das Evangelium zu verdeutlichen, bei weitem nicht nutzt. Daher fordert Long nachdrücklich, dass das Gebet ein integraler Bestandteil des Heilungsprozesses im Krankenhaus sein muss. „Gebet ist der rote Faden, der die christlichen Gesundheitsprogramme durchzieht. Gebet sollte deshalb nicht eine Spezialität einzelner Personen sein. Jedes Mitglied eines Gesundheitsteams kann beten. Gebet ist als Teil der Heilungskultur genauso wichtig wie die Medizin. Gesundheitsprogramme müssen sowohl gemeinschaftliches als auch individuelles Gebet fördern".

Ziel von Gebetsheilungen und die missiologische Aufgabe
Das Gebet um Heilung setzt genau dort an, wo der kraftsuchende Anhänger der traditionalen Religion steht. Hesselgrave betont daher: „Power Encounter ist der Vorrang vor Truth- Encounter zu geben. Aber immer und überall sind beides, Wahrheit und Kraft erforderlich". Dadurch bekommt der Suchende auf seine existentiellen Nöte Antwort in einer Weise, die er versteht. Durch die Genesung wird ihm deutlich, dass Jesu Kraft ihm persönlich gilt. Auf einmal begreift er, dass er mit diesem Jesus, der sich ihm so mächtig und gnädig erwiesen hat, auch den anderen Herausforderungen des Lebens gewachsen ist. Durch die erlebte Heilung vollzieht sich eine innere Wandlung: Statt wie ehedem in steter Furcht und Angst vor den Eingriffen der Mitmenschen und der Welt der Ahnengeister zu leben, hat er jetzt selbst erlebt, dass er durch und in Christus das Lebenstötende überwinden kann.
Die deutsche und westlich geprägte Missiologie steht vor der Aufgabe, Heilung durch Gebet in ihre theologischen Reflexionen stärker einzubeziehen und einen verantwortbaren Zugang zu Gebetsheilungen zu entwickeln. Diese Reflexion muss auch Hilfen für die Heilungspraxis geben. Missionare in aller Welt sollten nicht nur die „theologische Möglichkeit" von Heilungsgebeten sehen, sondern dürfen auch die Kraft, die im Gebet ist, zur Anwendung bringen. Alles andere ist zu wenig.

Eine Vertiefung der Thematik findet sich in: Kusch, Andreas, Jürgen Kuberski und Roland Scharfenberg. Heilung durch Gebet. Heilungsverständnis und Heilungspraxis im weltweiten Kontext. Nürnberg: VTR, 2009

Dr. Andreas Kusch, Dozent an der AWM in Korntal

Kommentare

Helm hat gesagt…
Mutig, mutig, als Mennonit hier Charles Kraft zu zitieren ;-)

Wahrheit und Kraft schließen sich nicht aus und sind auch überhaupt keine Gegensätze, im Gegenteil, die Liebe zur Wahrheit be"wahrt" und davor, dass die Kraft zu heilen aus der richtigen Quelle kommt (2.Thess. 2, 9-11). Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit (JOh. 14,17) und auch der Geist der Kraft (Jes. 11:2)

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